Juliane Sophie Kayser
JSK-Logo
menu

WIE SCHREIBT MAN EIN GUTES KINDERBUCH


„VOM AUSSTERBEN BEDROHT”
Wie muss ein gutes Kinderbuch gemacht sein?

Erschienen in der Zeitschrift „Kinderliterarischer Leseletter", Zeitschrift für Autoren, Autumnus Verlag, No. 4, Jg. 1
Ein Seminar mit Gabriele Hoffmann

Von Juliane Sophie Kayser

Gabriele Hoffmann steckt seit Jahrzehnten tief drin im Kinderbuchgeschehen in Deutschland. Sie rezensiert Kinderbücher, sie verkauft Kinderbücher, sie liest und schreibt mit Kindern, und sie redet mit Kinderbuchmachern über Kinderbücher. Dafür veranstaltet sie Seminare, und eines davon hat im November 2009 unsere Autorin Juliane Sophie Kayser besucht. Hier ihr Bericht.

Da saßen wir nun in einem hellen, gemütlichen Seminarraum einer sozialen Heidelberger Einrichtung. Wir, das waren einige Verleger namhafter Kinderbuchverlage und jede Menge Lektorinnen von A wie Arena bis Z, genauer gesagt bis T wie Thienemann, ferner eine Illustratorin und ich als einzige Autorin. Die Gruppengröße von 18 Personen wurde von den Teilnehmern als angenehm empfunden. Einige kamen zum x-ten Mal, für mich war es der erste Besuch solch eines Seminars.

Frau Hoffmann nahm ein Zitat aus einem der neueren Bildungspläne: „Die Welt mit den Augen der Kinder sehen” als Motto für gute Kinderbücher. Wie kann man den kindlichen Blick ernst nehmen bei der Gestaltung von Büchern? Wie können Bücher mehr als kurzfristige Unterhaltung sein, wie nachhaltige Orientierung bieten? Können wir hierfür Kriterien zur kompositorischen, sprachlichen und bildnerischen Gestaltung entwickeln?

In vier Themenblöcke sollte es Antworten geben: Stufen kindlicher Entwicklung, Themen und Inhalte, Qualität von Sprache und Text, Aussagekraft und Lesbarkeit von Bildern. Aufgrund der Dichte und Intensität des Seminars kann ich in diesem Artikel nur ein Streiflicht geben. Ich werde also exemplarisch einzelne grundlegende Gedanken weitergeben, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Die Veranstalterin begann mit der These: Kinderbücher müssen immer todernst sein: „Für Kinder, die lesen wollen, besitzt das gedruckte absolute Autorität. Deshalb ist Unernsthaftigkeit bei Autoren, Illustratoren, Lektoren und Redakteuren gefährliche Ignoranz.” Als Buchtipp nannte sie Felicitas Betz „Die Seele atmen lassen”. Frau Betz sei, so Gabriele Hoffmann, eine bemerkenswerte Frau, eine Pfarrerstochter, die acht Kinder großgezogen hat (Felicitas Betz ist Jahrgang 1926). Die Autorin vermittle in ihrem Buch eine symbolische Weltwahrnehmung.

Was das bedeute, könne man an älteren Kinderbüchern sehr gut erkennen. Anhand eines Buchs aus meiner Kindheit, „Etwas von den Wurzelkindern” von Sybille von Olfers veranschaulichte sie uns diese Sichtweise. Bohrend ihre Frage, woran die zu Beginn des Buchs dargestellten Wurzelgänge, durch die die Kinder ans Licht ziehen, erinnere? Natürlich an den Geburtskanal. Auf diesen Gedanken, dass die Autorin und Illustratorin, die ja zudem auch Kunsterzieherin und Ordensschwester war, mit dem Erdgang im 1906 (!) veröffentlichten Kinderbuch eigentlich den Geburtskanal meinte, war keiner von uns gekommen. Aber mich hat es gedanklich gereizt, mich auf diese außergewöhnliche Sicht von Frau Hoffmann einzulassen.

Dass das Abtreten der kleinen Wurzelkinder, das Sichbetten für den Winter am Ende des Buchs den Tod bedeuten sollte war dann selbstmurmelnd. Und mit derartigen Deutungen machte Frau Hofmann weiter. Es gäbe zig Bücher über Trennung und Scheidung, aber es gibt kein Buch für Kinder, das veranschaulicht, wie das Kind selber sich fühle, wenn die Eltern sich scheiden ließen. Ich wollte gerade mit Elfie Donellys Jugendroman „Tine durch zwei geht nicht” dagegen halten, als sie diese Aussage auf den Bilderbuchbereich begrenzte.

Nehmen wir, so Frau Hoffmann, mal den „Maulwurf Grabowski” von Murschetz: Hier wird gezeigt, wie sich jemand fühlt, dessen zu Hause gerade zerstört wird. Dies ist eigentlich das beste Buch zum Thema Scheidung. Grabowski als Scheidungsbuch, so hatte ich das noch nie betrachtet! Aber es ergibt in meinen Augen Sinn, sich auf diese Sicht einzulassen. Wir brauchten Bescheidenheit, so die Seminarleiterin, damit wir ganz Grundlegendes noch mal neu lernen müssen. Diese Bereitschaft ist zentral. Wir können von den Alten lernen, d.h. von den Kinderbuch-Klassikern. Sie zitiert Michael Krüger, Verleger bei Hanser: „Wir sind auf dem besten Weg total zu verblöden.” Daher ist die Rückbesinnung auf die Klassiker notwendig.

Die Diskussion, inwieweit „von den Alten” gelernt werden sollte, ist heftig geführt worden, unter anderem mit Karin Gruß, die lange beim Peter Hammer Verlag tätig war und seit Mai 2009 als freiberufliche Lektorin Autoren und Illustratoren ihre Dienste anbietet. Ihr erstes Gegenargument lautet: Wir müssen mit den Jungen lernen. Diesen Widerspruch halte ich für völlig konstruiert. Mit Jungen lernen oder von den Alten lernen ist kein Entweder Oder. Es muss sich doch ergänzen. Natürlich muss mit den Jungen gelernt werden, das ist doch selbstmurmelnd. Deswegen kann man sich ja trotzdem orientieren an den Alten, d.h. an den Klassikern, oder der Frage auf den Grund gehen, was diese Bücher zu Klassikern gemacht hat und warum sind sie noch heute so populär sind.

Frau Hoffmann macht für die mangelnde Qualität auch die Kinderbuchmacher, sprich Verleger verantwortlich. Sie kritisiert, dass zuhauf Bücher auf den Markt geworfen werden, durch die die Kinder das Denken verlernen. Bei vielen Verlegern hat dies Entrüstung ausgelöst. Frau Hoffmann ist mit der Seite des Verlegens, so die Ansicht, nicht vertraut. Andere Verleger sitzen hier im Seminar. Ulrich Störiko-Blume vom Boje-Verlag sagte hinterher: „Hier wird nicht trocken doziert, hier wird den Büchern ins Gesicht geschaut und gefragt: Buch, was willst du mir sagen? Was sagst Du mir tatsächlich? Was sagst du deinen jungen Lesern?”.

Frau Hoffmann erzählte von einer Lesung von Kirsten Boie mit extrem vielen Kindern, bei der so eine Unruhe entstand, dass die Autorin die Lesung unterbrechen musste. „Kinder, ich brauche jetzt Eure Hilfe, das geht so nich”. Sofort war es mucksmäuschenstill im Saal. Plötzlich hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Kinder. Kinder brauchen Aufgaben. Genauso müssen auch die Funktionen im Kinderbuch wirkliche Funktionen haben – und dürfen nicht rein dekorativen Charakter haben. Als Beispiel für Themen, die zeitlos gültig sind, nennt Frau Hofmann das Thema: Der verlorene Sohn, oder ganz allgemein: Vom Verlieren und Finden. Ferner differenziert sie: Es gibt haufenweise Bilderbücher zum Thema Tod, aber ganz wenige, die zeigen wie Kinder trauern.

Hierzu erzählte sie eine Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat. Noch nie ist ihr ein Buch gestohlen worden, außer einmal im Kindergarten, da war das Buch „Schwanenwinter” von Keizaburo – ein Buch, in dem eine Schwanenmutter ihr Junges verliert – plötzlich spurlos verschwunden. Eine Mutter kam Wochen später auf Frau Hoffmann zu und sagte, sie hat das Buch unter der Matratze von ihrem Kindergartenkind gefunden. Diese Mutter hatte gerade eine Fehlgeburt erlitten, ohne dies jedoch ihrem kleinen Kind verbal mitzuteilen. Diese Geschichte allein zeigt die Macht und elementare Bedeutung des Bilderbuchs für Kinder im Vorschulalter. Das Kind hat dieses Buch gebraucht. Es hat im Innersten gespürt: Das Buch und ich, wir gehören zusammen.

Schade, dass dieses Buch jetzt nicht mehr lieferbar ist. Eigentlich sollte man es so machen wie bei den Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind: Man sollte eine Paten finden, der Geld stiftet, um das Ende zu verhindern. Dann hieße es statt: Rettet den China-Alligator, rettet den „Schwanenwinter” , damit das Bilderbuch nicht vom Markt verschwindet.

Ganz besonders viel Spaß hat mir die Analyse von Kinderbuchanfängen gemacht. Sehr viele Kinderbuchanfänge ohne Titel- und Autorangabe lagen kreuz und quer auf der Erde. Jeder sollte sich einen Lieblingstextanfang raussuchen und überlegen und begründen, warum dieser Text für ihn sprachlich funktioniert. Die himmlische Heerschar an Lektorinnen schaute andächtig auf die titellosen Buchanfänge und seufzte einmütig: Hätten wir doch ab und an nur einen annähernd so guten Text in den Manuskriptstapeln! Dabei überlegten sie, ob sie den Anfang von „Ninni-The-Pooh” von A.A. Milne oder doch lieber den von Kästners „Emil und die Detektive” auswählen sollten.

Über die Stufen der kindlichen Entwicklung referierte Frau Holzwart-Räther, zuständig für Lehrerausbildung Grundschule, und ich fühlte mich phasenweise an die PH zurückversetzt. Über die Aussagekraft und Lesbarkeit von Bildern sprach Herr Petermann, Hochschullehrer der PH, er unterrichtet Philosophie (und Ehemann von Frau Hoffmann). Sein Schwerpunkt liegt auf dem Philosophieren mit Kindern und auf Religionsphilosophie. Er hat einen eigenen Kriterienkatalog entworfen: Was ist ein gutes Bild für Kinder? Hierzu muss ein Bild vier Ansprüche erfüllen: Einen bildsprachlichen Anspruch, einen theoretisch-konzeptionellen Anspruch, einen didaktischen Anspruch und einen pädagogischen. Ich beschränke mich auf den pädagogischen Anspruch. Das Bild muss transparent in der Darstellung sein, d.h. erkennbar, dennoch wirklichkeitskritisch, d.h. herausfordernd und nicht banal. Ferner lebendig und bewegt statt statisch. Es soll nicht bloß zur Kenntnis genommen werden, sondern einen prägenden Eindruck hinterlassen, d.h. Erhabenheit und Ausdruckstärke besitzen.

Das insgesamt 13-stündige Seminar gipfelte in einem fantastischen Abendessen, das Frau Hofmann gemeinsam mit Ihrem Mann gekocht hatte. Während wir in ihrem Wohnzimmer kulinarisch verwöhnt wurden, las Herr Petermann in der ihm ganz eigenen Art aus unglaublich komischen Kinderbüchern vor, so aus Hilke Rosenboom „Wayne, die Nacht des echten Cowboys”. Das war ein wirklich krönender Abschluss, bei dem kein Auge trocken blieb vor Lachen. Eigentlich kann man gar nicht von Vorlesen sprechen, sondern muss es schon eine Performance nennen, die aus dem Text aber auch wirklich alles rausholt. Ja, ich gestehe – ich wäre beinahe in eine Grundschule getigert, nur um noch einmal in den Genuss zu kommen Herrn Petermann aus einem Kinderbuch vorlesen zu hören. Aber eben nur beinahe. Ich hatte dann doch keine Lust, mir Zöpfe zu flechten und als was hätte ich mich überhaupt in die Klasse mogeln sollen? Da bin ich dann doch lieber durch die Vordertür als Kinderbuchautorin in die Grundschule gekommen und habe selbst gelesen aus meinem Buch „Malchen und die vergessene Zeit”, das genau am Tag des Seminars erschienen war.