Juliane Sophie Kayser
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WIE SCHREIBT MAN EIN GUTES KINDERBUCH


„VOM AUSSTERBEN BEDROHT”
Wie muss ein gutes Kinderbuch gemacht sein?

Erschienen in der Zeitschrift „Kinderliterarischer Leseletter", Zeitschrift für Autoren, Autumnus Verlag, No. 4, Jg. 1
Ein Seminar mit Gabriele Hoffmann

Von Juliane Sophie Kayser

Gabriele Hoffmann steckt seit Jahrzehnten tief drin im Kinderbuchgeschehen in Deutschland. Sie rezensiert Kinderbücher, sie verkauft Kinderbücher, sie liest und schreibt mit Kindern, und sie redet mit Kinderbuchmachern über Kinderbücher. Dafür veranstaltet sie Seminare, und eines davon hat im November 2009 unsere Autorin Juliane Sophie Kayser besucht. Hier ihr Bericht.

Da saßen wir nun in einem hellen, gemütlichen Seminarraum einer sozialen Heidelberger Einrichtung. Wir, das waren einige Verleger namhafter Kinderbuchverlage und jede Menge Lektorinnen von A wie Arena bis Z, genauer gesagt bis T wie Thienemann, ferner eine Illustratorin und ich als einzige Autorin. Die Gruppengröße von 18 Personen wurde von den Teilnehmern als angenehm empfunden. Einige kamen zum x-ten Mal, für mich war es der erste Besuch solch eines Seminars.

Frau Hoffmann nahm ein Zitat aus einem der neueren Bildungspläne: „Die Welt mit den Augen der Kinder sehen” als Motto für gute Kinderbücher. Wie kann man den kindlichen Blick ernst nehmen bei der Gestaltung von Büchern? Wie können Bücher mehr als kurzfristige Unterhaltung sein, wie nachhaltige Orientierung bieten? Können wir hierfür Kriterien zur kompositorischen, sprachlichen und bildnerischen Gestaltung entwickeln?

In vier Themenblöcke sollte es Antworten geben: Stufen kindlicher Entwicklung, Themen und Inhalte, Qualität von Sprache und Text, Aussagekraft und Lesbarkeit von Bildern. Aufgrund der Dichte und Intensität des Seminars kann ich in diesem Artikel nur ein Streiflicht geben. Ich werde also exemplarisch einzelne grundlegende Gedanken weitergeben, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Die Veranstalterin begann mit der These: Kinderbücher müssen immer todernst sein: „Für Kinder, die lesen wollen, besitzt das gedruckte absolute Autorität. Deshalb ist Unernsthaftigkeit bei Autoren, Illustratoren, Lektoren und Redakteuren gefährliche Ignoranz.” Als Buchtipp nannte sie Felicitas Betz „Die Seele atmen lassen”. Frau Betz sei, so Gabriele Hoffmann, eine bemerkenswerte Frau, eine Pfarrerstochter, die acht Kinder großgezogen hat (Felicitas Betz ist Jahrgang 1926). Die Autorin vermittle in ihrem Buch eine symbolische Weltwahrnehmung.

Was das bedeute, könne man an älteren Kinderbüchern sehr gut erkennen. Anhand eines Buchs aus meiner Kindheit, „Etwas von den Wurzelkindern” von Sybille von Olfers veranschaulichte sie uns diese Sichtweise. Bohrend ihre Frage, woran die zu Beginn des Buchs dargestellten Wurzelgänge, durch die die Kinder ans Licht ziehen, erinnere? Natürlich an den Geburtskanal. Auf diesen Gedanken, dass die Autorin und Illustratorin, die ja zudem auch Kunsterzieherin und Ordensschwester war, mit dem Erdgang im 1906 (!) veröffentlichten Kinderbuch eigentlich den Geburtskanal meinte, war keiner von uns gekommen. Aber mich hat es gedanklich gereizt, mich auf diese außergewöhnliche Sicht von Frau Hoffmann einzulassen.

Dass das Abtreten der kleinen Wurzelkinder, das Sichbetten für den Winter am Ende des Buchs den Tod bedeuten sollte war dann selbstmurmelnd. Und mit derartigen Deutungen machte Frau Hofmann weiter. Es gäbe zig Bücher über Trennung und Scheidung, aber es gibt kein Buch für Kinder, das veranschaulicht, wie das Kind selber sich fühle, wenn die Eltern sich scheiden ließen. Ich wollte gerade mit Elfie Donellys Jugendroman „Tine durch zwei geht nicht” dagegen halten, als sie diese Aussage auf den Bilderbuchbereich begrenzte.

Nehmen wir, so Frau Hoffmann, mal den „Maulwurf Grabowski” von Murschetz: Hier wird gezeigt, wie sich jemand fühlt, dessen zu Hause gerade zerstört wird. Dies ist eigentlich das beste Buch zum Thema Scheidung. Grabowski als Scheidungsbuch, so hatte ich das noch nie betrachtet! Aber es ergibt in meinen Augen Sinn, sich auf diese Sicht einzulassen. Wir brauchten Bescheidenheit, so die Seminarleiterin, damit wir ganz Grundlegendes noch mal neu lernen müssen. Diese Bereitschaft ist zentral. Wir können von den Alten lernen, d.h. von den Kinderbuch-Klassikern. Sie zitiert Michael Krüger, Verleger bei Hanser: „Wir sind auf dem besten Weg total zu verblöden.” Daher ist die Rückbesinnung auf die Klassiker notwendig.

Die Diskussion, inwieweit „von den Alten” gelernt werden sollte, ist heftig geführt worden, unter anderem mit Karin Gruß, die lange beim Peter Hammer Verlag tätig war und seit Mai 2009 als freiberufliche Lektorin Autoren und Illustratoren ihre Dienste anbietet. Ihr erstes Gegenargument lautet: Wir müssen mit den Jungen lernen. Diesen Widerspruch halte ich für völlig konstruiert. Mit Jungen lernen oder von den Alten lernen ist kein Entweder Oder. Es muss sich doch ergänzen. Natürlich muss mit den Jungen gelernt werden, das ist doch selbstmurmelnd. Deswegen kann man sich ja trotzdem orientieren an den Alten, d.h. an den Klassikern, oder der Frage auf den Grund gehen, was diese Bücher zu Klassikern gemacht hat und warum sind sie noch heute so populär sind.

Frau Hoffmann macht für die mangelnde Qualität auch die Kinderbuchmacher, sprich Verleger verantwortlich. Sie kritisiert, dass zuhauf Bücher auf den Markt geworfen werden, durch die die Kinder das Denken verlernen. Bei vielen Verlegern hat dies Entrüstung ausgelöst. Frau Hoffmann ist mit der Seite des Verlegens, so die Ansicht, nicht vertraut. Andere Verleger sitzen hier im Seminar. Ulrich Störiko-Blume vom Boje-Verlag sagte hinterher: „Hier wird nicht trocken doziert, hier wird den Büchern ins Gesicht geschaut und gefragt: Buch, was willst du mir sagen? Was sagst Du mir tatsächlich? Was sagst du deinen jungen Lesern?”.

Frau Hoffmann erzählte von einer Lesung von Kirsten Boie mit extrem vielen Kindern, bei der so eine Unruhe entstand, dass die Autorin die Lesung unterbrechen musste. „Kinder, ich brauche jetzt Eure Hilfe, das geht so nich”. Sofort war es mucksmäuschenstill im Saal. Plötzlich hatte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Kinder. Kinder brauchen Aufgaben. Genauso müssen auch die Funktionen im Kinderbuch wirkliche Funktionen haben – und dürfen nicht rein dekorativen Charakter haben. Als Beispiel für Themen, die zeitlos gültig sind, nennt Frau Hofmann das Thema: Der verlorene Sohn, oder ganz allgemein: Vom Verlieren und Finden. Ferner differenziert sie: Es gibt haufenweise Bilderbücher zum Thema Tod, aber ganz wenige, die zeigen wie Kinder trauern.

Hierzu erzählte sie eine Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat. Noch nie ist ihr ein Buch gestohlen worden, außer einmal im Kindergarten, da war das Buch „Schwanenwinter” von Keizaburo – ein Buch, in dem eine Schwanenmutter ihr Junges verliert – plötzlich spurlos verschwunden. Eine Mutter kam Wochen später auf Frau Hoffmann zu und sagte, sie hat das Buch unter der Matratze von ihrem Kindergartenkind gefunden. Diese Mutter hatte gerade eine Fehlgeburt erlitten, ohne dies jedoch ihrem kleinen Kind verbal mitzuteilen. Diese Geschichte allein zeigt die Macht und elementare Bedeutung des Bilderbuchs für Kinder im Vorschulalter. Das Kind hat dieses Buch gebraucht. Es hat im Innersten gespürt: Das Buch und ich, wir gehören zusammen.

Schade, dass dieses Buch jetzt nicht mehr lieferbar ist. Eigentlich sollte man es so machen wie bei den Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind: Man sollte eine Paten finden, der Geld stiftet, um das Ende zu verhindern. Dann hieße es statt: Rettet den China-Alligator, rettet den „Schwanenwinter” , damit das Bilderbuch nicht vom Markt verschwindet.

Ganz besonders viel Spaß hat mir die Analyse von Kinderbuchanfängen gemacht. Sehr viele Kinderbuchanfänge ohne Titel- und Autorangabe lagen kreuz und quer auf der Erde. Jeder sollte sich einen Lieblingstextanfang raussuchen und überlegen und begründen, warum dieser Text für ihn sprachlich funktioniert. Die himmlische Heerschar an Lektorinnen schaute andächtig auf die titellosen Buchanfänge und seufzte einmütig: Hätten wir doch ab und an nur einen annähernd so guten Text in den Manuskriptstapeln! Dabei überlegten sie, ob sie den Anfang von „Ninni-The-Pooh” von A.A. Milne oder doch lieber den von Kästners „Emil und die Detektive” auswählen sollten.

Über die Stufen der kindlichen Entwicklung referierte Frau Holzwart-Räther, zuständig für Lehrerausbildung Grundschule, und ich fühlte mich phasenweise an die PH zurückversetzt. Über die Aussagekraft und Lesbarkeit von Bildern sprach Herr Petermann, Hochschullehrer der PH, er unterrichtet Philosophie (und Ehemann von Frau Hoffmann). Sein Schwerpunkt liegt auf dem Philosophieren mit Kindern und auf Religionsphilosophie. Er hat einen eigenen Kriterienkatalog entworfen: Was ist ein gutes Bild für Kinder? Hierzu muss ein Bild vier Ansprüche erfüllen: Einen bildsprachlichen Anspruch, einen theoretisch-konzeptionellen Anspruch, einen didaktischen Anspruch und einen pädagogischen. Ich beschränke mich auf den pädagogischen Anspruch. Das Bild muss transparent in der Darstellung sein, d.h. erkennbar, dennoch wirklichkeitskritisch, d.h. herausfordernd und nicht banal. Ferner lebendig und bewegt statt statisch. Es soll nicht bloß zur Kenntnis genommen werden, sondern einen prägenden Eindruck hinterlassen, d.h. Erhabenheit und Ausdruckstärke besitzen.

Das insgesamt 13-stündige Seminar gipfelte in einem fantastischen Abendessen, das Frau Hofmann gemeinsam mit Ihrem Mann gekocht hatte. Während wir in ihrem Wohnzimmer kulinarisch verwöhnt wurden, las Herr Petermann in der ihm ganz eigenen Art aus unglaublich komischen Kinderbüchern vor, so aus Hilke Rosenboom „Wayne, die Nacht des echten Cowboys”. Das war ein wirklich krönender Abschluss, bei dem kein Auge trocken blieb vor Lachen. Eigentlich kann man gar nicht von Vorlesen sprechen, sondern muss es schon eine Performance nennen, die aus dem Text aber auch wirklich alles rausholt. Ja, ich gestehe – ich wäre beinahe in eine Grundschule getigert, nur um noch einmal in den Genuss zu kommen Herrn Petermann aus einem Kinderbuch vorlesen zu hören. Aber eben nur beinahe. Ich hatte dann doch keine Lust, mir Zöpfe zu flechten und als was hätte ich mich überhaupt in die Klasse mogeln sollen? Da bin ich dann doch lieber durch die Vordertür als Kinderbuchautorin in die Grundschule gekommen und habe selbst gelesen aus meinem Buch „Malchen und die vergessene Zeit”, das genau am Tag des Seminars erschienen war.

Tam-Tam aber machte mein Herz

Für meine geliebte Schwester Clara 

Ich weiß es noch wie gestern. Eines Tages bekamen wir, die Zwei A an der Grunewald Grundschule in der Delbrückstraße, Berlin, einen neuen Mitschüler vorgestellt. Er hieß Manuel Thureaut und war direkt aus Paris zu uns gekommen. Er sah allerdings nicht besonders französisch aus. Er hatte porzellanfarbene Haut, vereinzelte Sommersprossen, walnussbraunes glattes Haar mit einem Wirbel, den er nicht bändigen konnte, was ihn wahnsinnig machte. Obwohl er mitten im Schuljahr ganz neu in die Klasse kam, war er überhaupt nicht schüchtern. Er bewegte sich sehr selbstbewusst und gelassen, so als wäre er schon immer einer von uns gewesen. Dabei war er gänzlich anders. Nicht nur anders als sämtliche Jungs in meiner Klasse. Er war auch anders, als alle Jungs die ich überhaupt kennengelernt hatte. Während ich bis dahin über kreischende Mädchen in meiner Klasse, die einen bestimmten Jungen süß fanden, nur den Kopf schütteln konnte, hat es mich, als ich Manuel kennenlernte, zum ersten Mal in meinem Leben so richtig erwischt. Ich verliebte mich auf der Stelle in ihn. Und ich musste mir eingestehen, dass ich Manuel süß fand. Er sprach akzentfreies Deutsch. Egal was er tat, ich fand es süß. Meldete er sich in Deutsch, um eine seiner originellen Geschichten vorzulesen, fand ich ihn süß.  Wenn er sich in Mathe meldete, um nachzufragen, weil er etwas nicht verstanden hatte, fand ich das genauso süß. Nur eine Sache, die fand ich überhaupt nicht süß. Ich war nicht das einzige Mädchen, das sich für Manuel interessierte. In der Hofpause  war er stets von einer großen Traube Mädchen umringt. 

Er war verträumt, jedoch zugleich hellwach. Er wirkte stark, jedoch auch feinfühlig. Er war charmant und witzig, aber auch nachdenklich. Ich konnte mit ihm stundenlang über das Leben nach dem Tod sprechen, um mich wenig später mit ihm kaputtzulachen über unsere dicke Sachkundelehrerin, die jedes Mal wenn ein Kind mit offenem Mund gähnte, sagte: „Hand vor den Mund, Kinder! Wäre ich nicht so dick und fett, dann wäre ich glatt heineingefallen.“ Wobei wir natürlich nicht über ihren unlustigen Witz lachten, sondern über sie. Wir erzählten einander aus unseren Lieblingsbüchern. Seins war Momo von Michael Ende. Meins war Ben liebt Anna von Peter Härtling. Wir hatten beide Spaß am Geschichtenerfinden und eine heftige Abneigung gegen Mathematik. Immer wenn ich mit Manuel zusammen war, musste ich mich vergewissern, dass ich mich nicht in meinem eigenen Traum befinde. Ich erinnere mich, dass ich dachte, so vollkommen kann ein echter Junge aus Fleisch und Blut doch gar nicht sein. Also kniff ich mich regelmäßig in den Oberarm. Autsch, jetzt wusste ich, dass ich nicht träumte! Wir begannen uns immer öfter zu verabreden. Manuel traf sich allerdings mit einigen Mädchen aus der Klasse. Was die Anzahl der Verabredungen anbelangte, war Elena ungefähr im Gleichstand mit mir. Elena hatte blondes seidiges glattes Haar, himmelblaue Augen, ein Pony und eine Zahnlücke. Zum Fasching in der Schule erschien sie in einem goldglänzenden Prinzessinnenkleid, dass ihr ihre Mutter eigens für diesen Anlass selbst genäht hatte. Ich hatte keine Mutter, die sich um derlei Dinge kümmerte. Aber ich hatte meine vier Jahre ältere Schwester Clara, die dafür Sorge trug, dass ich überhaupt am Faschingsfest in der Schule teilnehmen konnte. Kurzerhand zog sie mir ein zu kleines Hemd meines Vaters über, stopfte mir zwei Sofakissen drunter, und stülpte mir ihren Papierkorb über den Kopf. Sie verstand es, aus beinahe gar nichts etwas zu zaubern. „Und als was genau soll ich jetzt gehen?“ fragte ich verdattert. „Ist doch ganz klar: Du bist ein Clown,“ sagte sie während sie ihren Papierkorb mit rotem Tonpapier verkleidete und noch jede Menge bunte Luftschlangen am „Clownshut“ antackerte. Während Elena in ihrem goldenen Prinzessinnenkostüm die Aufmerksamkeit sämtlicher Jungs in der Klasse auf sich zog, natürlich auch die von Manuel, hatte ich leider einen Hitzestau bekommen, weil das mit den Kissen einfach zu warm wurde über den Nachmittag. Schließlich wurde ich ohnmächtig. Während Elena also elfengleich mit ihren Silberballerina über den Boden schwebte und so Manuel schöne Augen machte, war ich als ohnmächtig gewordene Lachnummer für diesen  Festtag aus dem Verkehr gezogen.

Inzwischen war schon ein Jahr vergangen, seit Manuel zu uns gekommen war. Wir waren jetzt in der dritten Klasse. Dass er  Elena ebenso oft traf wie mich, war mir natürlich ein Dorn im Auge. Nächtelang überlegte ich hin und her, welches das größere Leiden sei. Meine Liebe für Manuel unausgesprochen mit ins Grab zu nehmen oder die Demütigung  zu ertragen , mir, nachdem ich ihm meine Liebe gestanden hatte, anhören zu müssen, dass er seinerseits jedoch Elena lieben würde. Ich entschied mich dafür, dass die Drangsal, die Liebe unausgesprochen mit ins Grab zu nehmen, die schlimmere sei, und nahm mir vor, ihm meine Liebe bei unserem nächsten Treffen zu gestehen.  Bei meinen beiden älteren Schwestern hatte ich genau beobachtet, wie sie ein Date vorbereiteten. Ich legte eine Joan-Baez-Schallplatte auf, entzündete die Kerzen und Räucherstäbchen, Marke Cinnamon Rose  in meiner Sitzecke. Diese bestand aus einer roten Kiste, die als Tisch diente, und zwei indischen Sitzgelegenheiten. Tausend Mal war ich diese Situation in Gedanken durchgegangen. Doch jetzt, als Manuel tatsächlich vor mir saß, wusste ich überhaupt nicht, wie ich anfangen sollte. Aber das machte überhaupt nichts. Denn wer jetzt das Wort ergriff, war Manuel „Juli, ich wollte es dir schon so lange sagen. Ich habe mich einfach unsterblich in dich verliebt.“  Ich konnte mein Glück nicht fassen. Natürlich war es jetzt viel leichter für mich, auch über meine Gefühle für ihn zu reden. Mein Glück fühlte sich so an als ob jedes noch so kleinste Teilchen in mir am Summen war. Der Plattenspieler dudelte das Lied „Eleanor Rigby“„ All those lonely people, where do they all come from? All those lonely people, where do they all belong?” Und ich? Ich versuchte einfach nur, mein Glück zu fassen. Dieses währte nicht lange. Ich bemerkte, dass Manuel irgendwie niedergeschlagen aussah. „Was hast du?“, fragte ich ihn. „Ich muss dir leider etwas ganz Trauriges sagen“, er flüsterte fast. „Am Montag ziehen wir zurück nach Paris.“ Die Worte schwirrten durch meinen Kopf, doch Verstand und Herz weigerten sich, ihren Sinn zu erfassen. Ich spürte augenblicklich die Kälte, die durch die Anwesenheit der grauen Herren in meine Dachbodenkammer getreten war. Sie waren gekommen, um uns zu bestehlen. Sie raubten uns unsere gemeinsame Zeit. Ich fröstelte. „Aber warum hast du mir das nicht früher erzählt?“ fragte ich ihn. „Meine Eltern haben es mir verboten.“ „Aber warum denn bloß?“ entgegnete ich fassungslos. Mein Vater sagte: „Ich möchte nicht, dass zu deinem Abschied so ein Tam-Tam gemacht wird.“ „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Manuel und zog ein kleines Päckchen aus der Tasche, darin war eine kleine quadratische Schachtel, eingepackt in Geschenkpapier.

Ich riss das Schmetterlingspapier entzwei und öffnete die Schachtel. Ich erblickte einen Eulenring, der irgendwie richtig gut zu Manuel passte und damit auch zu mir. Manuel steckte mir den Ring an den Finger. Dann haben wir noch stundenlang zusammen geweint. Wir waren inzwischen bei der nächsten Joan-Baez-Platte angelangt bei dem Lied „ Simple Twist of Fate“, als wir  uns ewige Liebe schworen. Später hat er sich mit einem flüchtigen scheuen Kuss auf meinen Mund von mir verabschiedet. Unsere Liebe sollte ein Geheimnis bleiben. Wir konnten ohnehin nicht verstehen, wie der Rest der Klasse ein so großes Gefühl täglich versuchte, in so kleine Zettel mit vorgefertigten Worten zu zwängen. Willst du mit mir gehen? Kreuze nun an. Ja, Nein, Vielleicht.

Am Montag teilte Manuel der Klasse seinen überraschenden Abschied mit und teilte Hanutas an alle aus. Elena fing an zu weinen und griff unsere Lehrerin an: „Du hast es gewußt. Gib es zu, Du hast es ganz genau gewusst!“ Frau Lawerenz, meine Lieblingslehrerin, guckte entschuldigend. „Ja, aber ich durfte es euch doch nicht sagen, Kinder.“  Die ganze Klasse fragte:  „Aber warum denn nicht?“  „Der Vater von Manuel wollte, dass  bei Manuels Abschied kein Tam-Tam gemacht wird.“ Das erzählte mir alles meine beste Freundin Katja hinterher. Ich selbst war nicht in die Schule gekommen. Ich fühlte mich nicht gut und lag mit Fieber im Bett. Es war ein bisschen so wie in meinem damaligen Lieblingsbuch Ben liebt Anna in dem Kapitel: Ben wird krank und Anna geht. Bloß, dass nicht ich ging, sondern er.

Ich dachte über die Worte von Manuels Vater nach: Ich möchte nicht, dass bei deinem Abschied ein Tam-Tam gemacht wird.

Mein Herz aber machte TAMTAM. Und was für eins.

Nachbemerkung

Manuel und ich schrieben uns noch anderthalb Jahre lang sehr lange Briefe, bis ich selbst von Berlin fortzog. Den Eulenring soll ich nun auf Weltreise schicken? Es gibt nur einen Grund warum ich das tue. Paris gehört ja auch zur Welt und falls du, Manuel, dort immer noch bist und das hier liest, macht dein Herz vielleicht auch nochmal ganz kurz TamTam.

DAS PORTRAIT EINER AUSSERGEWÖHNLICHEN VERSÖHNUNG

Eine wahre Geschichte über die Bedeutung von Namen

Haben Sie Lust auf eine Zeitreise? Dann folgen Sie mir! Sie werden Menschen kennenlernen, die allen Grund gehabt hätten, verfeindet zu bleiben und dennoch Freunde geworden sind. Wie es dazu kam erzählt dieser Artikel.

Die Vorgeschichte

Zwei jüdische Brüder, zwei liebende Eltern. Ein Bambuskoffer und zwanzig Minuten zum Packen. Ein Zug nach Gurs. Ein Lager. Eine Todesdusche in Ausschwitz für die Eltern. Eine Odyssee für die Brüder, die von ihren mutigen Eltern, Karl und Mathilde Mayer, ins Leben geschmuggelt wurden – in ein Waisenhaus. Ihr seid dort besser aufgehoben, schrieb die Mutter mit zitternder Hand, bevor sie in den Zug nach Ausschwitz stieg.

Zwei Fluchten vor der Vergangenheit. Amerika und Israel. Aus Manfred wird Fred. Aus Heinz wird Menachem. Zwei Namen. Ein neues Leben. Doch lässt sich das alte Leben zum Schweigen bringen?

Die Wiederentdeckung der Briefe

1959 geschah es: Fred war gerade dabei, von New York nach Los Angelos, umzuziehen, als er auf dem Speicher seines Hauses das Bündel mit den Briefen seiner Eltern fand, die er all die Jahre mit aller Macht aus seinem Gedächtnis verbannt hatte. Zu schmerzhaft wäre die Konfrontation mit der Vergangenheit gewesen, die den Verlust erneut auferstehen lassen würde.

Er erzählte mir bei meinem ersten Besuch in Florida, dass er so übermannt wurde vom Schmerz, der in ihm hochkam, dass er das Bündel Briefe kurzentschlossen in’s Kaminfeuer werfen wollte. Allerdings hielt ihn etwas zurück. Sie gehören ja gar nicht mir allein, überlegte er; sie gehören ja auch meinem Bruder. Über seine Tante in London bekam Fred die Adresse von Menachem heraus und schickte ihm die wiedergefundenen Briefe der Eltern mit der Post. Menachem lagerte diese Briefe viele Jahre in einer Schublade. Wenn seine Tochter Michal ihn fragte: „Papa, was hat denn die Oma geschrieben in dem Brief an euch?“ ließ sich Menachem stets neue Ausreden einfallen. Doch Michal ließ nicht locker, und so fand Menachem eines Tages den Mut, sich der Vergangenheit zu stellen und diese Briefe zu lesen. Eine lange, eine schmerzliche Reise begann.

Die Angst, auf diese Reise aufzubrechen, also den Blick zurück zu wagen, wird Menachem später als Angst beschreiben, zur Salzsäule zu erstarren. Die Reise mündete darin, dass sich Menachem und Fred eines Tages dazu entschieden, gemeinsam ein Buch über ihr Leben zu schreiben. Es war von ihnen gedacht als Vermächtnis, um den Kindern und Enkeln ihre Wurzeln zu offenbaren, sie in ihrer Identität zu stärken und das Gedenken an die ermordeten Großeltern wachzuhalten und zu pflegen. Außerdem um den Kindern und Enkeln ein Geschenk der Wahrheit zu machen, auch wenn die Wahrheit noch so bitter war. Die Originalausgabe war 2001 auf Hebräisch erschienen. Im Jahr darauf erschien dann die zweite Ausgabe auf Englisch.

Als Titel wählten sie eine Zeile aus einem der vielen Briefe, die ihnen ihre Mutter aus dem Lager Gurs ins Waisenheim nach Aspet geschickt hatte. Sie schrieb: Blühen bei Euch jetzt die Bäume? Bei uns gibt es keine … Und so lautet der ursprüngliche Titel der zweiten und englischen Ausgabe: Are The Trees In Bloom Over There? Thoughts and Memories of two Brothers. Die heutige englische Ausgabe wurde dem Filmtitel angeglichen.

Die Bedeutung von Namen

Bald nach Erscheinen wurde das englische Buch von Menachem an den ehemaligen Pfarrer von Hoffenheim Matthias Uhlig geschickt. Der wies darauf hin, wie notwendig eine deutsche Übersetzung sei und holte die Zustimmung von Fred und Menachem für diese ein.

Dies bekam auch eine Hoffenheimerin mit, die mit dem SAP-Gründer Dietmar Hopp zur Schule gegangen war. Eilig berichtete sie seinem Bruder Rüdiger, dass im Englischen ein Buch erschienen sei, in dem ans Licht kam, dass sein Vater Emil Hopp eine unangenehme Rolle im Dritten Reich gespielt hatte und unmittelbar an dem Verbrechen an der Familie Mayer beteiligt gewesen war. Sie beschwor Rüdiger Hopp, alles dafür zu tun, eine deutsche Übersetzung zu verhindern oder wenigstens den Namen herausnehmen zu lassen und ferner seinem Bruder Dietmar lieber kein Wort davon zu erzählen.

Gott sei Dank hörte Rüdiger Hopp nicht auf diesen Rat. Stattdessen nahm er Kontakt zu Pfarrer Uhlig auf, der wiederum in Kontakt zu Menachem Mayer stand und 1986 einen Arbeitskreis zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte gegründet hatte. Ihm lag es besonders am Herzen, dass das Buch auch ins Deutsche übersetzt wurde, und dafür suchte er Sponsoren. Nun entschieden sich Rüdiger und Dietmar Hopp dazu, die deutsche Übersetzung finanzieren zu wollen. Sie hatten allerdings eine dringende Bitte: Der Name ihres Vaters sollte unerwähnt bleiben. Die Scham über die grausamen Taten ihres Vaters und sicherlich auch die Angst davor, dass Dietmar Hopp, der ja als Gründer des Softwareriesens SAP eine Person des öffentlichen Lebens ist, einen irreparablen Imageverlust erleiden könnte, können möglicherweise die Motivation für diesen Vorschlag gewesen sein.

Als Pfarrer Uhlig Menachem und Fred mitteilte, er habe einen Sponsoren gefunden namens Hopp, hatten diese nur eine Frage. Fred schreibt in seinem Buch Aus Hoffenheim deportiert. Menachem und Fred. Der Weg zweier jüdischer Brüder dazu: Uns war bewusst, dass wir in unserem Buch einen Emil Hopp erwähnt hatten, eine Hoffenheimer Nazigröße (SA-Führer und Freds Lehrer im ersten Schuljahr, der nach dem Krieg wegen der Zerstörung der Hoffenheimer Synagoge zu elf Wochen Gefängnis verurteilt worden war). War die Rede von derselben Familie? Kurz gefasst, die Antwort war: Ja. Emil Hopp war Vater dreier Kinder Karola, Rüdiger und Dietmar. Zur Zeit unserer Deportation 1940 war Karola elf Jahre, die beiden Brüder waren zwei und ein halbes Jahr alt ... (Anmerkung der Autorin: Für die Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Gurs war allerdings die Gestapo und andere Hoffenheimer Parteigrößen verantwortlich, an diesem Verbrechen war Emil Hopp nicht beteiligt).

Pfarrer Uhlig versicherte uns, dass den Brüdern Hopp viel an einer Veröffentlichung des Buches liege. Menachem und ich machten uns die Entscheidung, ob wir das Angebot der Familie, das Buch zu finanzieren, annehmen sollten, sehr schwer. Die beiden Brüder waren damals noch kleine Kinder, warum also, fragten wir uns, sollten wir sie für die Sünden der Väter büßen lassen? Es wäre nicht recht von uns, die zweite und dritte Generation für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Also beschlossen wir, mit dem Projekt fortzufahren und das Angebot der Finanzierung anzunehmen.

Der Vorschlag, den Namen rauszunehmen, wurde in Freds und in Menachems Familie intensiv diskutiert. Schließlich setzten sich die Kinder von Menachem durch, mit dem Argument: So wie die Opfer Namen trugen, müssen auch die Täter Namen tragen. Entweder das Buch würde genauso übersetzt, wie es von Menachem und Fred geschrieben worden war, oder es würde überhaupt nicht übersetzt.

Nach einigem Überlegen willigten Dietmar und Rüdiger Hopp in diese Bedingung ein, was durchaus beachtlich ist. Sie brachten den Mut auf, mit der Wahrheit ans Licht zu treten, obwohl diese Wahrheit mehr als unbequem für sie selbst war.

„Das geht nicht nur mir, sondern das geht vielen Deutschen tatsächlich ganz, ganz tief. Da ist tief empfundenes Mitleid, tief empfundene Scham für das, was passiert ist. Aber ich bin froh, dass die Brüder Mayer uns die Hand reichen”, fasste Dietmar Hopp seine Gefühle vor der Kamera zusammen. „Es ist schrecklich, was passiert ist. Aber, sie haben keinen Hass. Sie sind für Versöhnung. Und das ist, denke ich, die Grundlage besseren Verstehens in dieser Welt.”

Der Kreis schließt sich

In Hoffenheim hatte alles begonnen: Die Familie Mayer war auf grausame Weise vertrieben, auseinandergerissen und größtenteils umgebracht worden.

Zum Zeitpunkt der Vertreibung aus der Wohnung, bei der Emil Hopp eine aktive Rolle spielte, waren sein einer Sohn noch zu jung, um sich erinnern zu können und der andere noch gar nicht geboren. Nur Karola kann sich, wenngleich sehr unscharf, an diesen Tag erinnern. In ihrem achtseitigen Brief an Menachem und Fred schreibt sie: Das Erkennen der Wahrheit war grauenhaft. Eine entsetzliche Scham über die Untaten ihres Vaters bewog sie dazu, ihren Kindern und Enkeln nichts davon zu erzählen. Als allerdings ihr Enkel einen Brief aus dem Briefwechsel mit Menachem und Fred fand, erzählte sie ihm dennoch alles. Außerdem entschied sie sich, ihren Kindern und Enkeln das Buch Aus Hoffenheim deportiert zu schenken.

Der Vater Emil Hopp hat seinen Kindern eine große Bürde hinterlassen, ein zentnerschweres Gewicht an uneingestandener, nicht aufgearbeiteter Schuld. Obwohl die Kinder selbst keinerlei Schuld tragen an den Untaten ihres Vaters, haben sie freiwillig Verantwortung übernommen. Sie haben das Gespräch gesucht mit denjenigen, denen ihr Vater unsägliches Leid zugefügt hatte. Darüber hinaus haben sie sich entschieden, sich aktiv an Gesten der Versöhnung zu beteiligen, z. B. durch die Veröffentlichung des Buches, die Erstellung einer Gedenktafel für die deportierten Hoffenheimer Juden sowie die Förderung des deutsch-israelischen Jugendaustauschprogramms.

Der Lebensfaden der Familie Mayer ist eng verwoben mit dem Lebensfaden der Familie Hopp. Sie sind verwirkt wie in einem Teppich. Die Gräueltaten des Emil Hopp und die damit verbundenen Leiden der Familie Mayer können wir vielleicht mit der Rückseite des Teppichs, wo uns nur wirre hässliche Fäden erwarten, vergleichen. Was immer hier das Auge zu erkennen sucht – Konturen, Formen, Sinn –, zerfällt zu nichts. Alles, was wir sehen, ist ein unentwirrbares Knäuel an blankem Grauen, sinnlosem Tod, unvorstellbarer Verrohung des Menschen und Zerstörung.

Im November 2004 scheint es mir, als ob der Teppich umgedreht wurde. Ein neues Bild wird sichtbar.Wir erkennen Menschen, die einander die Hand reichen und allesamt bereit sind, der Wahrheit ins Auge zu blicken, anstatt vor ihr wegzulaufen. Es sind zu allererst Menachem und Fred zu nennen, die bereit sind, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen. In einem nächsten Schritt ist es ihnen sogar möglich, den Kontakt zu den Kindern desjenigen zuzulassen, der sie seinerzeit aus der Wohnung vertrieben hatte und aktiv an der Zerstörung der Synagoge beteiligt gewesen war. Da gibt es aber auch die Kinder des Täters, die bereit sind zuzulassen, dass der Schleier des Verschweigens weggezogen wird. Die sich nach einigem Ringen auch dazu entschließen, sich aktiv von diesem Schleier, der ja auch eine Fessel war, zu befreien. Hiermit meine ich konkret ihren Schritt, die Unterstützung des Buchs zuzusagen mit der Nennung ihres Vaters als Täter. Sie suchten das Gespräch mit den Brüdern. Entscheidend war der November 2004.

Dr. Rüdiger Hopp und seine Schwester Karola Mühlburger baten Fred und seine Frau Lydia um ein erstes Treffen an einer Raststätte in der Nähe von Sarasota, Freds Wohnort. Als ich das erste Mal mit Fred auf dem Philosophenweg spazieren ging, erzählte er mir davon. „Ich werde nie vergessen, wie Rüdiger Hopp auf mich zukam und mir seine Hand hinstreckte mit den Worten: ‚Danke, dass Sie willens sind, diese Hand zu schütteln.’ Er fing an zu weinen und sagte zu mir: ‚Wer könnte so einer Liebe widerstehen?’“ Ihm, Fred, sei klar geworden, wie schwer die Bürde für beide Seiten zu tragen gewesen war die letzten 64 Jahre. Er erkannte, dass auch die Kinder des Täters gelitten hatten unter der Vergangenheit. Die beiden Männer wurden von ihren Gefühlen überwältigt und umarmten sich. Das ist für eine erste Annäherung wirklich ungewöhnlich und berührend. Rüdiger Hopp machte bei diesem Treffen den Vorschlag, die ganze Großfamilie, die teils in den USA, teils in Israel lebte und einander noch gar nicht kannte, nach Hoffenheim einzuladen.

Rüdiger Hopp teilte Fred mit, dass er und seine Schwester Karola für die Anfertigung und Anbringung einer Gedenktafel sorgen würden, auf der die Namen der aus Hoffenheim deportierten, in Ausschwitz umgebrachten Juden sowie die Namen der Überlebenden aufgeführt würden. Sie hofften, dass die Buchpräsentation und die Enthüllung der Gedenktafel im Herbst 2005 gleichzeitig stattfinden könnten. Nach dem Essen übergab Karola noch einen achtseitigen Brief in deutscher Sprache. Fred sagte später: „Dieser Brief und Rüdigers Empathie überzeugten uns vollständig von den schmerzlichen Gefühlen, welche die Vergangenheit in der Familie bewirkte, und machte alle Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit Ihnen null und nichtig.“

Die Dinge entwickelten sich. Menachem las mehrfach die deutschen Druckfahnen, Rüdiger Hopp schickte eine förmliche Einladung seines Bruders Dietmar an die ganze Familie.

Die Großfamilie entdeckt gemeinsam mit Kindern und Enkeln ihre Wurzeln

Am 1. September 2005 war es dann so weit, Menachem und Fred flogen mit ihren Angehörigen nach Deutschland und checkten in Heidelberg in ihrem Hotel ein.

Michal hatte vorausschauend Namensschildchen vorbereitet. Alle machten sich miteinander bekannt. In den nächsten Tagen fuhren alle gemeinsam an die jüdischen Stätten der Umgebung von Heidelberg beziehungsweise Mainz, Speyer und Worms, ehemals die bedeutendsten Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit in Deutschland. Außerdem besuchte die Großfamilie den jüdischen Friedhof in Waibstadt, wo sie an den Grabsteinen ihrer Großeltern Metallplaketten mit ihren Namen anbrachten. Dann sprachen die Kinder von Menachem und Fred gemeinsam mit Menachem das Kaddisch-Gebet, ein bewegender Augenblick. Als Überraschung hatten die Hopps koscheres Essen aus Frankfurt bringen lassen, sodass alle guten Gewissens teilnehmen konnten.

Um die Bedeutsamkeit des Familientreffens zu unterstreichen, hatten Menachem und Fred beschlossen, anschließend jedem Enkel einen silbernen Anhänger an einem Halskettchen zu schenken. Die Inschrift lautet:

HEIDELBERG/HOFFENHEIM

SEPTEMBER 4, 2005
THE DAY I DISCOVERD MY ROOTS
(Der Tag, an dem ich meine Wurzeln entdeckte)

„Der Anblick unserer Enkel im Alter zwischen zwei und 22 Jahren, wie sie vortraten, als sie aufgerufen worden, um von ihren Vätern die Gedenkanhänger übergestreift zu bekommen, wird unserem Gedächtnis eingebrannt bleiben. Unsere Kinder hatten ebenfalls eine Überraschung vorbereitet und schenkten uns, den Vätern, ein Album, in dem jedes Kind und jeder Enkel seine Gefühle und die Bedeutung des Familientreffens aufgezeichnet hatte“, erinnert sich Fred in dem Buch, das er mit seinem Bruder zusammen geschrieben hat.

Als er allerdings mit dem Bus am Fluss parallel zur Bahnstrecke entlangfuhr, die mit acht Jahren sein Schulweg gewesen war, nachdem man ihn als Jude aus der Hoffenheimer Grundschule ausgeschlossen hatte, brachen sich die alten, unterdrückten Gefühle Bahn.

In den nächsten Tagen folgten die Veranstaltung in der Gemeindehalle und die Enthüllung der Gedenktafel. An dieser Veranstaltung nahmen 400 Ortsansässige teil. Vom Gemeindehaus ging es zum Rathaus, dem Ort, von dem 18 Juden aus Hoffenheim deportiert wurden. Einer nach dem anderen entzündeten die Nachkommen der Ermordeten, jeweils begleitet von einem Enkelkind, Kerzen und riefen den Namen des betreffenden Familienangehörigen. Dies wiederholte sich 14 Mal. Abschließend sprach Menachem noch einmal das Kaddischgebet für die Toten. Ein Gebet, das, wie Fred seinerzeit bemerkte, mit Sicherheit in Hoffenheim in den vergangenen 65 Jahren nicht zu hören gewesen war.

Die Tochter von Menachem, Michal, hat es so ausgedrückt:  „Wir sind voll dankbarer Gefühle gegenüber den Brüdern Hopp, die dieses Ereignis ermöglicht haben. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es gute Menschen gibt, die in einer fried- und bußfertigen Geste ihre Hand ausstrecken. Heute bietet sich uns eine der seltenen glücklichen Gelegenheiten, bei denen sich ein Kreis schließt. Hier, an dem Ort, an dem unsere Familie ihren Ausgang nahm, an dem sie durch Mord und Hass auseinandergerissen wurde, genau an diesem Ort kommt unsere Familie wieder im Geist des Lebens ohne Hass, ohne Rassismus, voller Sehnsucht nach Versöhnung und Frieden zusammen.”

Da kommen einem die Worte des israelischen Dichters Yehuda Amichai in den Sinn, mit denen Michal ihre Rede Ich spreche im Namen der zweiten Generation bei der Enthüllung der Gedenktafel eröffnete. „Ich war nicht unter den sechs Millionen, die im Holocaust umkamen, ich war nicht unter ihnen, aber das Feuer und der Rauch sind weiter um mich. Die Feuer- und Rauchsäulen zeigen mir Tag und Nacht den Weg. Und die rasende Suche bleibt mir.”

Weiter sagte sie: „Diese Suche ist ein Teil unserer Identität geworden. Sie bedeutet im Schatten von Geschichten aufzuwachsen, die nie erzählt werden.“ Dass diese Geschichten dann eben doch erzählt wurden ist, wie Michal sagte, „eine große und edle Tat“ von Menachem und Fred gewesen, die es den Kindern und Kindeskindern ermöglicht hat, zu ihren Wurzeln und zu ihrer Vergangenheit zurückzukehren. „Ich hoffe und ich glaube, dass das Schreiben sich heilend bei ihnen ausgewirkt hat, obwohl unser Vater und Fred dadurch großen emotionalen Belastungen ausgesetzt waren. Dennoch wagten sie es, diese faszinierende Geschichte für uns und die kommende Generation aufzuzeichnen.“ Die Geschichte wurde sowohl als Buch als auch als Dokumentarfilm festgehalten.

Nicht umsonst hat der Film Menachem und Fred den Cinema-of-Peace-Award für „the most inspirational movie of the year” gewonnen. Hier hielt Fred, in der Nähe von Heike Makatsch und Klaus Wowereit stehend, seine bewegende Rede vor 2.500 Menschen.

Die beiden israelischen Regisseurinnen Ofra Tevet und Ronit Kertsner zeigten sich während der Dreharbeiten sehr überrascht über die Bereitschaft der beiden Hopp-Brüder, den Film Menachem und Fred nicht nur finanziell zu unterstützen, sondern auch vor die Kamera zu treten. „Wir sind es gewohnt, dass die Kinder von Tätern es ablehnen, vor die Kamera zu treten, wenn wir sie darum bitten“, hört man sie im Film sagen.

Die Freundschaft hält an

Die Freundschaft zwischen Familie Hopp und Familie Mayer dauert bis heute an. Im November  2014 hat Dr. Rüdiger Hopp Menachem wieder nach Heidelberg eingeladen und einen kleinen Empfang für die engsten Freunde im Europäischen Hof organisiert. Dafür hat er eigens eine koschere Sachertorte anfertigen lassen. Auch sonst sind die beiden in regelmäßigem E-Mail-Kontakt.

Menachem brachte mir aus Jerusalem eine original koschere Mesusa mit. Das ist eine Schriftkapsel in einer handgefertigten Silberhülle zum Aufhängen am Türpfosten der Eingangstür. Als Zeichen der Verbundenheit mit Gott und als Bitte um seinen Segen für unser Haus und seine Bewohner.

Er erklärte mir in einem Nebenraum ganz exakt, wie ich sie aufzuhängen hätte. Vor allem beschwor er mich, sie nicht gerade, sondern schief aufzuhängen. Denn nur bei Gott sind die Sachen ganz gerade.

Die Veröffentlichung dieses Artikels geschieht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Menachem Mayer, von Dr. Rüdiger Hopp, sowie von Dietmar Hopp. 

Zum Weiterlesen:

Menachem MayerFrederick Raymes
Aus Hoffenheim deportiert
Menachem und Fred. Der Weg zweier jüdischer Brüder
Regionalkultur Verlag, Ubstadt-Weiher 2008
ISBN 9783897354074
Gebunden, 208 Seiten, 16,90 €

Zum Schauen:

Menachem und Fred
Israel, Deutschland 2009
Regie: Ofra Tevet und Ronit Kertsner
Darsteller: Frederick Raymes, Menachem Mayer, Dietmar Hopp
FSK : ab 0
91 Min
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