Juliane Sophie Kayser
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Warum Karl von Graimberg auch „Retter des Schlosses” genannt wird


Der französische Emigrant Karl von Graimberg kommt 1810 nach Karlsruhe, um sechs Monate lang eine Ausbildung als Kupferstecher zu machen und dann nach Paris zurückzukehren. Er entschließt sich, nach Heidelberg zu reisen, um dort die Schlossruine zu zeichnen. Er ist als Künstler derart fasziniert von der romantischen Ruine, dass er seine Lebenspläne umändert. Aus dem geplanten kurzen Besuch in Heidelberg werden unversehens 54 Jahre. Seine Begeisterung für die Schlossruine hält ihn in Heidelberg fest. Er ist nicht bereit, tatenlos mit anzusehen, wie die seiner Meinung nach schönste Ruine Europas zum Steinbruch verkommt und durch die zunehmende Überwucherung durch Vegetation nach und nach zerstört wird. 1810 ist es Gang und Gäbe, dass sich sowohl Heidelberger Bürger als auch Reisende an den Steinen und Verzierungen bedienen.

Die Stadt lässt den Stumpfsinn ihrer Bürger ungestraft. Graimberg ernennt sich selbst zum Schlosswächter und zieht kurz entschlossen in den Torturm des Gläsernen Saalbaus ein, um das Schloss wie seinen Augapfel zu bewachen. So verhindert er den weiteren Diebstahl von Ornamenten und Verzierungen. Muss er geschäftlich verreisen, engagiert er Leute als Schlosswächter, die er von seinem Geld bezahlt. Frau Dr. Anja-Maria Roth schreibt hierzu: „Man kann davon ausgehen, dass ohne Graimbergs ständige Anwesenheit und ohne seinen großen persönlichen Einsatz ein Großteil der noch heute erhaltenen plastischen Verzierungen der Heidelberger Schlossruine zerstört worden wäre.“ (Aus: Charles de Graimberg 1774-1864 Denkmalpfleger Sammler Künstler, S.52 Heidelberg 1999). Zum einen schlug er Randalierer eigenhändig in die Flucht. Zum anderen erstattete er Anzeige und weist auch auf andere Weise die zuständigen Behörden darauf hin, dass das Schloss besser geschützt werden müsse. Erst 1822 erringt Graimberg mit der Schließung des Ottheinrichsbaus einen ersten großen Erfolg.

Von dieser Zeit an zeigt die Großherzogliche Domänenverwaltung erstmals größeres Interesse an der Erhaltung der Schlossruine. Graimberg investiert einen Teil seines Vermögens in kleinere Reparaturen am Schloss und in die notwendigsten Erhaltungsmaßnahmen. Ferner kauft er die „Alterthümersammlung des Heidelberger Schlosses“, um so der Schlossruine ein umfassendes Denkmal zu errichten. Er selbst bezeichnet diese Sammlung und auch sein Kupferstichunternehmen als „Töchter des Schlosses“.(ebd.S.89). Er ist beseelt von dem Gedanken, das Ansehen und die Bekanntheit des Schlosses zu steigern. Dies will er durch die Verbreitung seiner vielfältigen Schlossansichten bewirken. Mit Erfolg. Ab 1810 wird das Schloss langsam berühmt, die Besucherzahlen steigen. Auch die zunehmende Mobilität der Reisenden durch Eisenbahn und Rheinschifffahrt kommt ihm zugute. Für Graimbergs finanzielle Lage sind die wachsenden Besucherzahlen natürlich auch ein Segen. Er verkauft jetzt an manchen Tagen mehr Schlossansichten als früher in einem ganzen Jahr. Durch seine minutiös angefertigten Zeichnungen, auf deren historische Korrektheit er größten Wert legt, dokumentiert er den Zustand des Schlosses von 1810 bis 1864 für die Nachwelt. Aber auch frühere Zeichnungen anderer Künstler wie zum Beispiel von Ulrich Kraus, die das Schloss vor seiner Zerstörung zeigen, zeichnet er ab, um sie drucken zu können. Bei seinen Zeichnungen kommt es ihm besonders auf Detailtreue an, da sie einen denkmalpflegerischen Zweck erfüllen sollten.

Sein Anliegen ist es, bei der Heidelberger Bevölkerung und darüber hinaus in ganz Europa ein Bewusstsein für die künstlerische und die geschichtliche Bedeutung des Schlosses zu wecken. In ihrer Dissertation über Graimberg schreibt Frau Dr. Anja-Maria Roth: „Graimberg selbst bezeichnet den ungewöhnlichen Ursprung seiner Unternehmungen, den Beginn seiner Arbeit in Heidelberg als plötzliches Erstaunen, das ihn ergriffen habe.” (ebd.S.43) Auch bei mir entstand ein Erstaunen – allerdings über das ungewöhnliche Leben Graimbergs. Dieses Erstaunen möchte ich mit den Kindern teilen, für die ich diese Geschichte geschrieben habe.

BILDERGALERIE MIT DEN SKIZZEN DES ILLUSTRATORS BERND OBERDIECK