Juliane Sophie Kayser
JSK-Logo
menu

DAS PORTRAIT EINER AUSSERGEWÖHNLICHEN VERSÖHNUNG

Eine wahre Geschichte über die Bedeutung von Namen

Haben Sie Lust auf eine Zeitreise? Dann folgen Sie mir! Sie werden Menschen kennenlernen, die allen Grund gehabt hätten, verfeindet zu bleiben und dennoch Freunde geworden sind. Wie es dazu kam erzählt dieser Artikel.

Die Vorgeschichte

Zwei jüdische Brüder, zwei liebende Eltern. Ein Bambuskoffer und zwanzig Minuten zum Packen. Ein Zug nach Gurs. Ein Lager. Eine Todesdusche in Ausschwitz für die Eltern. Eine Odyssee für die Brüder, die von ihren mutigen Eltern, Karl und Mathilde Mayer, ins Leben geschmuggelt wurden – in ein Waisenhaus. Ihr seid dort besser aufgehoben, schrieb die Mutter mit zitternder Hand, bevor sie in den Zug nach Ausschwitz stieg.

Zwei Fluchten vor der Vergangenheit. Amerika und Israel. Aus Manfred wird Fred. Aus Heinz wird Menachem. Zwei Namen. Ein neues Leben. Doch lässt sich das alte Leben zum Schweigen bringen?

Die Wiederentdeckung der Briefe

1959 geschah es: Fred war gerade dabei, von New York nach Los Angelos, umzuziehen, als er auf dem Speicher seines Hauses das Bündel mit den Briefen seiner Eltern fand, die er all die Jahre mit aller Macht aus seinem Gedächtnis verbannt hatte. Zu schmerzhaft wäre die Konfrontation mit der Vergangenheit gewesen, die den Verlust erneut auferstehen lassen würde.

Er erzählte mir bei meinem ersten Besuch in Florida, dass er so übermannt wurde vom Schmerz, der in ihm hochkam, dass er das Bündel Briefe kurzentschlossen in’s Kaminfeuer werfen wollte. Allerdings hielt ihn etwas zurück. Sie gehören ja gar nicht mir allein, überlegte er; sie gehören ja auch meinem Bruder. Über seine Tante in London bekam Fred die Adresse von Menachem heraus und schickte ihm die wiedergefundenen Briefe der Eltern mit der Post. Menachem lagerte diese Briefe viele Jahre in einer Schublade. Wenn seine Tochter Michal ihn fragte: „Papa, was hat denn die Oma geschrieben in dem Brief an euch?“ ließ sich Menachem stets neue Ausreden einfallen. Doch Michal ließ nicht locker, und so fand Menachem eines Tages den Mut, sich der Vergangenheit zu stellen und diese Briefe zu lesen. Eine lange, eine schmerzliche Reise begann.

Die Angst, auf diese Reise aufzubrechen, also den Blick zurück zu wagen, wird Menachem später als Angst beschreiben, zur Salzsäule zu erstarren. Die Reise mündete darin, dass sich Menachem und Fred eines Tages dazu entschieden, gemeinsam ein Buch über ihr Leben zu schreiben. Es war von ihnen gedacht als Vermächtnis, um den Kindern und Enkeln ihre Wurzeln zu offenbaren, sie in ihrer Identität zu stärken und das Gedenken an die ermordeten Großeltern wachzuhalten und zu pflegen. Außerdem um den Kindern und Enkeln ein Geschenk der Wahrheit zu machen, auch wenn die Wahrheit noch so bitter war. Die Originalausgabe war 2001 auf Hebräisch erschienen. Im Jahr darauf erschien dann die zweite Ausgabe auf Englisch.

Als Titel wählten sie eine Zeile aus einem der vielen Briefe, die ihnen ihre Mutter aus dem Lager Gurs ins Waisenheim nach Aspet geschickt hatte. Sie schrieb: Blühen bei Euch jetzt die Bäume? Bei uns gibt es keine … Und so lautet der ursprüngliche Titel der zweiten und englischen Ausgabe: Are The Trees In Bloom Over There? Thoughts and Memories of two Brothers. Die heutige englische Ausgabe wurde dem Filmtitel angeglichen.

Die Bedeutung von Namen

Bald nach Erscheinen wurde das englische Buch von Menachem an den ehemaligen Pfarrer von Hoffenheim Matthias Uhlig geschickt. Der wies darauf hin, wie notwendig eine deutsche Übersetzung sei und holte die Zustimmung von Fred und Menachem für diese ein.

Dies bekam auch eine Hoffenheimerin mit, die mit dem SAP-Gründer Dietmar Hopp zur Schule gegangen war. Eilig berichtete sie seinem Bruder Rüdiger, dass im Englischen ein Buch erschienen sei, in dem ans Licht kam, dass sein Vater Emil Hopp eine unangenehme Rolle im Dritten Reich gespielt hatte und unmittelbar an dem Verbrechen an der Familie Mayer beteiligt gewesen war. Sie beschwor Rüdiger Hopp, alles dafür zu tun, eine deutsche Übersetzung zu verhindern oder wenigstens den Namen herausnehmen zu lassen und ferner seinem Bruder Dietmar lieber kein Wort davon zu erzählen.

Gott sei Dank hörte Rüdiger Hopp nicht auf diesen Rat. Stattdessen nahm er Kontakt zu Pfarrer Uhlig auf, der wiederum in Kontakt zu Menachem Mayer stand und 1986 einen Arbeitskreis zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte gegründet hatte. Ihm lag es besonders am Herzen, dass das Buch auch ins Deutsche übersetzt wurde, und dafür suchte er Sponsoren. Nun entschieden sich Rüdiger und Dietmar Hopp dazu, die deutsche Übersetzung finanzieren zu wollen. Sie hatten allerdings eine dringende Bitte: Der Name ihres Vaters sollte unerwähnt bleiben. Die Scham über die grausamen Taten ihres Vaters und sicherlich auch die Angst davor, dass Dietmar Hopp, der ja als Gründer des Softwareriesens SAP eine Person des öffentlichen Lebens ist, einen irreparablen Imageverlust erleiden könnte, können möglicherweise die Motivation für diesen Vorschlag gewesen sein.

Als Pfarrer Uhlig Menachem und Fred mitteilte, er habe einen Sponsoren gefunden namens Hopp, hatten diese nur eine Frage. Fred schreibt in seinem Buch Aus Hoffenheim deportiert. Menachem und Fred. Der Weg zweier jüdischer Brüder dazu: Uns war bewusst, dass wir in unserem Buch einen Emil Hopp erwähnt hatten, eine Hoffenheimer Nazigröße (SA-Führer und Freds Lehrer im ersten Schuljahr, der nach dem Krieg wegen der Zerstörung der Hoffenheimer Synagoge zu elf Wochen Gefängnis verurteilt worden war). War die Rede von derselben Familie? Kurz gefasst, die Antwort war: Ja. Emil Hopp war Vater dreier Kinder Karola, Rüdiger und Dietmar. Zur Zeit unserer Deportation 1940 war Karola elf Jahre, die beiden Brüder waren zwei und ein halbes Jahr alt ... (Anmerkung der Autorin: Für die Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Gurs war allerdings die Gestapo und andere Hoffenheimer Parteigrößen verantwortlich, an diesem Verbrechen war Emil Hopp nicht beteiligt).

Pfarrer Uhlig versicherte uns, dass den Brüdern Hopp viel an einer Veröffentlichung des Buches liege. Menachem und ich machten uns die Entscheidung, ob wir das Angebot der Familie, das Buch zu finanzieren, annehmen sollten, sehr schwer. Die beiden Brüder waren damals noch kleine Kinder, warum also, fragten wir uns, sollten wir sie für die Sünden der Väter büßen lassen? Es wäre nicht recht von uns, die zweite und dritte Generation für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Also beschlossen wir, mit dem Projekt fortzufahren und das Angebot der Finanzierung anzunehmen.

Der Vorschlag, den Namen rauszunehmen, wurde in Freds und in Menachems Familie intensiv diskutiert. Schließlich setzten sich die Kinder von Menachem durch, mit dem Argument: So wie die Opfer Namen trugen, müssen auch die Täter Namen tragen. Entweder das Buch würde genauso übersetzt, wie es von Menachem und Fred geschrieben worden war, oder es würde überhaupt nicht übersetzt.

Nach einigem Überlegen willigten Dietmar und Rüdiger Hopp in diese Bedingung ein, was durchaus beachtlich ist. Sie brachten den Mut auf, mit der Wahrheit ans Licht zu treten, obwohl diese Wahrheit mehr als unbequem für sie selbst war.

„Das geht nicht nur mir, sondern das geht vielen Deutschen tatsächlich ganz, ganz tief. Da ist tief empfundenes Mitleid, tief empfundene Scham für das, was passiert ist. Aber ich bin froh, dass die Brüder Mayer uns die Hand reichen”, fasste Dietmar Hopp seine Gefühle vor der Kamera zusammen. „Es ist schrecklich, was passiert ist. Aber, sie haben keinen Hass. Sie sind für Versöhnung. Und das ist, denke ich, die Grundlage besseren Verstehens in dieser Welt.”

Der Kreis schließt sich

In Hoffenheim hatte alles begonnen: Die Familie Mayer war auf grausame Weise vertrieben, auseinandergerissen und größtenteils umgebracht worden.

Zum Zeitpunkt der Vertreibung aus der Wohnung, bei der Emil Hopp eine aktive Rolle spielte, waren sein einer Sohn noch zu jung, um sich erinnern zu können und der andere noch gar nicht geboren. Nur Karola kann sich, wenngleich sehr unscharf, an diesen Tag erinnern. In ihrem achtseitigen Brief an Menachem und Fred schreibt sie: Das Erkennen der Wahrheit war grauenhaft. Eine entsetzliche Scham über die Untaten ihres Vaters bewog sie dazu, ihren Kindern und Enkeln nichts davon zu erzählen. Als allerdings ihr Enkel einen Brief aus dem Briefwechsel mit Menachem und Fred fand, erzählte sie ihm dennoch alles. Außerdem entschied sie sich, ihren Kindern und Enkeln das Buch Aus Hoffenheim deportiert zu schenken.

Der Vater Emil Hopp hat seinen Kindern eine große Bürde hinterlassen, ein zentnerschweres Gewicht an uneingestandener, nicht aufgearbeiteter Schuld. Obwohl die Kinder selbst keinerlei Schuld tragen an den Untaten ihres Vaters, haben sie freiwillig Verantwortung übernommen. Sie haben das Gespräch gesucht mit denjenigen, denen ihr Vater unsägliches Leid zugefügt hatte. Darüber hinaus haben sie sich entschieden, sich aktiv an Gesten der Versöhnung zu beteiligen, z. B. durch die Veröffentlichung des Buches, die Erstellung einer Gedenktafel für die deportierten Hoffenheimer Juden sowie die Förderung des deutsch-israelischen Jugendaustauschprogramms.

Der Lebensfaden der Familie Mayer ist eng verwoben mit dem Lebensfaden der Familie Hopp. Sie sind verwirkt wie in einem Teppich. Die Gräueltaten des Emil Hopp und die damit verbundenen Leiden der Familie Mayer können wir vielleicht mit der Rückseite des Teppichs, wo uns nur wirre hässliche Fäden erwarten, vergleichen. Was immer hier das Auge zu erkennen sucht – Konturen, Formen, Sinn –, zerfällt zu nichts. Alles, was wir sehen, ist ein unentwirrbares Knäuel an blankem Grauen, sinnlosem Tod, unvorstellbarer Verrohung des Menschen und Zerstörung.

Im November 2004 scheint es mir, als ob der Teppich umgedreht wurde. Ein neues Bild wird sichtbar.Wir erkennen Menschen, die einander die Hand reichen und allesamt bereit sind, der Wahrheit ins Auge zu blicken, anstatt vor ihr wegzulaufen. Es sind zu allererst Menachem und Fred zu nennen, die bereit sind, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen. In einem nächsten Schritt ist es ihnen sogar möglich, den Kontakt zu den Kindern desjenigen zuzulassen, der sie seinerzeit aus der Wohnung vertrieben hatte und aktiv an der Zerstörung der Synagoge beteiligt gewesen war. Da gibt es aber auch die Kinder des Täters, die bereit sind zuzulassen, dass der Schleier des Verschweigens weggezogen wird. Die sich nach einigem Ringen auch dazu entschließen, sich aktiv von diesem Schleier, der ja auch eine Fessel war, zu befreien. Hiermit meine ich konkret ihren Schritt, die Unterstützung des Buchs zuzusagen mit der Nennung ihres Vaters als Täter. Sie suchten das Gespräch mit den Brüdern. Entscheidend war der November 2004.

Dr. Rüdiger Hopp und seine Schwester Karola Mühlburger baten Fred und seine Frau Lydia um ein erstes Treffen an einer Raststätte in der Nähe von Sarasota, Freds Wohnort. Als ich das erste Mal mit Fred auf dem Philosophenweg spazieren ging, erzählte er mir davon. „Ich werde nie vergessen, wie Rüdiger Hopp auf mich zukam und mir seine Hand hinstreckte mit den Worten: ‚Danke, dass Sie willens sind, diese Hand zu schütteln.’ Er fing an zu weinen und sagte zu mir: ‚Wer könnte so einer Liebe widerstehen?’“ Ihm, Fred, sei klar geworden, wie schwer die Bürde für beide Seiten zu tragen gewesen war die letzten 64 Jahre. Er erkannte, dass auch die Kinder des Täters gelitten hatten unter der Vergangenheit. Die beiden Männer wurden von ihren Gefühlen überwältigt und umarmten sich. Das ist für eine erste Annäherung wirklich ungewöhnlich und berührend. Rüdiger Hopp machte bei diesem Treffen den Vorschlag, die ganze Großfamilie, die teils in den USA, teils in Israel lebte und einander noch gar nicht kannte, nach Hoffenheim einzuladen.

Rüdiger Hopp teilte Fred mit, dass er und seine Schwester Karola für die Anfertigung und Anbringung einer Gedenktafel sorgen würden, auf der die Namen der aus Hoffenheim deportierten, in Ausschwitz umgebrachten Juden sowie die Namen der Überlebenden aufgeführt würden. Sie hofften, dass die Buchpräsentation und die Enthüllung der Gedenktafel im Herbst 2005 gleichzeitig stattfinden könnten. Nach dem Essen übergab Karola noch einen achtseitigen Brief in deutscher Sprache. Fred sagte später: „Dieser Brief und Rüdigers Empathie überzeugten uns vollständig von den schmerzlichen Gefühlen, welche die Vergangenheit in der Familie bewirkte, und machte alle Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit Ihnen null und nichtig.“

Die Dinge entwickelten sich. Menachem las mehrfach die deutschen Druckfahnen, Rüdiger Hopp schickte eine förmliche Einladung seines Bruders Dietmar an die ganze Familie.

Die Großfamilie entdeckt gemeinsam mit Kindern und Enkeln ihre Wurzeln

Am 1. September 2005 war es dann so weit, Menachem und Fred flogen mit ihren Angehörigen nach Deutschland und checkten in Heidelberg in ihrem Hotel ein.

Michal hatte vorausschauend Namensschildchen vorbereitet. Alle machten sich miteinander bekannt. In den nächsten Tagen fuhren alle gemeinsam an die jüdischen Stätten der Umgebung von Heidelberg beziehungsweise Mainz, Speyer und Worms, ehemals die bedeutendsten Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit in Deutschland. Außerdem besuchte die Großfamilie den jüdischen Friedhof in Waibstadt, wo sie an den Grabsteinen ihrer Großeltern Metallplaketten mit ihren Namen anbrachten. Dann sprachen die Kinder von Menachem und Fred gemeinsam mit Menachem das Kaddisch-Gebet, ein bewegender Augenblick. Als Überraschung hatten die Hopps koscheres Essen aus Frankfurt bringen lassen, sodass alle guten Gewissens teilnehmen konnten.

Um die Bedeutsamkeit des Familientreffens zu unterstreichen, hatten Menachem und Fred beschlossen, anschließend jedem Enkel einen silbernen Anhänger an einem Halskettchen zu schenken. Die Inschrift lautet:

HEIDELBERG/HOFFENHEIM

SEPTEMBER 4, 2005
THE DAY I DISCOVERD MY ROOTS
(Der Tag, an dem ich meine Wurzeln entdeckte)

„Der Anblick unserer Enkel im Alter zwischen zwei und 22 Jahren, wie sie vortraten, als sie aufgerufen worden, um von ihren Vätern die Gedenkanhänger übergestreift zu bekommen, wird unserem Gedächtnis eingebrannt bleiben. Unsere Kinder hatten ebenfalls eine Überraschung vorbereitet und schenkten uns, den Vätern, ein Album, in dem jedes Kind und jeder Enkel seine Gefühle und die Bedeutung des Familientreffens aufgezeichnet hatte“, erinnert sich Fred in dem Buch, das er mit seinem Bruder zusammen geschrieben hat.

Als er allerdings mit dem Bus am Fluss parallel zur Bahnstrecke entlangfuhr, die mit acht Jahren sein Schulweg gewesen war, nachdem man ihn als Jude aus der Hoffenheimer Grundschule ausgeschlossen hatte, brachen sich die alten, unterdrückten Gefühle Bahn.

In den nächsten Tagen folgten die Veranstaltung in der Gemeindehalle und die Enthüllung der Gedenktafel. An dieser Veranstaltung nahmen 400 Ortsansässige teil. Vom Gemeindehaus ging es zum Rathaus, dem Ort, von dem 18 Juden aus Hoffenheim deportiert wurden. Einer nach dem anderen entzündeten die Nachkommen der Ermordeten, jeweils begleitet von einem Enkelkind, Kerzen und riefen den Namen des betreffenden Familienangehörigen. Dies wiederholte sich 14 Mal. Abschließend sprach Menachem noch einmal das Kaddischgebet für die Toten. Ein Gebet, das, wie Fred seinerzeit bemerkte, mit Sicherheit in Hoffenheim in den vergangenen 65 Jahren nicht zu hören gewesen war.

Die Tochter von Menachem, Michal, hat es so ausgedrückt:  „Wir sind voll dankbarer Gefühle gegenüber den Brüdern Hopp, die dieses Ereignis ermöglicht haben. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es gute Menschen gibt, die in einer fried- und bußfertigen Geste ihre Hand ausstrecken. Heute bietet sich uns eine der seltenen glücklichen Gelegenheiten, bei denen sich ein Kreis schließt. Hier, an dem Ort, an dem unsere Familie ihren Ausgang nahm, an dem sie durch Mord und Hass auseinandergerissen wurde, genau an diesem Ort kommt unsere Familie wieder im Geist des Lebens ohne Hass, ohne Rassismus, voller Sehnsucht nach Versöhnung und Frieden zusammen.”

Da kommen einem die Worte des israelischen Dichters Yehuda Amichai in den Sinn, mit denen Michal ihre Rede Ich spreche im Namen der zweiten Generation bei der Enthüllung der Gedenktafel eröffnete. „Ich war nicht unter den sechs Millionen, die im Holocaust umkamen, ich war nicht unter ihnen, aber das Feuer und der Rauch sind weiter um mich. Die Feuer- und Rauchsäulen zeigen mir Tag und Nacht den Weg. Und die rasende Suche bleibt mir.”

Weiter sagte sie: „Diese Suche ist ein Teil unserer Identität geworden. Sie bedeutet im Schatten von Geschichten aufzuwachsen, die nie erzählt werden.“ Dass diese Geschichten dann eben doch erzählt wurden ist, wie Michal sagte, „eine große und edle Tat“ von Menachem und Fred gewesen, die es den Kindern und Kindeskindern ermöglicht hat, zu ihren Wurzeln und zu ihrer Vergangenheit zurückzukehren. „Ich hoffe und ich glaube, dass das Schreiben sich heilend bei ihnen ausgewirkt hat, obwohl unser Vater und Fred dadurch großen emotionalen Belastungen ausgesetzt waren. Dennoch wagten sie es, diese faszinierende Geschichte für uns und die kommende Generation aufzuzeichnen.“ Die Geschichte wurde sowohl als Buch als auch als Dokumentarfilm festgehalten.

Nicht umsonst hat der Film Menachem und Fred den Cinema-of-Peace-Award für „the most inspirational movie of the year” gewonnen. Hier hielt Fred, in der Nähe von Heike Makatsch und Klaus Wowereit stehend, seine bewegende Rede vor 2.500 Menschen.

Die beiden israelischen Regisseurinnen Ofra Tevet und Ronit Kertsner zeigten sich während der Dreharbeiten sehr überrascht über die Bereitschaft der beiden Hopp-Brüder, den Film Menachem und Fred nicht nur finanziell zu unterstützen, sondern auch vor die Kamera zu treten. „Wir sind es gewohnt, dass die Kinder von Tätern es ablehnen, vor die Kamera zu treten, wenn wir sie darum bitten“, hört man sie im Film sagen.

Die Freundschaft hält an

Die Freundschaft zwischen Familie Hopp und Familie Mayer dauert bis heute an. Im November  2014 hat Dr. Rüdiger Hopp Menachem wieder nach Heidelberg eingeladen und einen kleinen Empfang für die engsten Freunde im Europäischen Hof organisiert. Dafür hat er eigens eine koschere Sachertorte anfertigen lassen. Auch sonst sind die beiden in regelmäßigem E-Mail-Kontakt.

Menachem brachte mir aus Jerusalem eine original koschere Mesusa mit. Das ist eine Schriftkapsel in einer handgefertigten Silberhülle zum Aufhängen am Türpfosten der Eingangstür. Als Zeichen der Verbundenheit mit Gott und als Bitte um seinen Segen für unser Haus und seine Bewohner.

Er erklärte mir in einem Nebenraum ganz exakt, wie ich sie aufzuhängen hätte. Vor allem beschwor er mich, sie nicht gerade, sondern schief aufzuhängen. Denn nur bei Gott sind die Sachen ganz gerade.

Die Veröffentlichung dieses Artikels geschieht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Menachem Mayer, von Dr. Rüdiger Hopp, sowie von Dietmar Hopp. 

Zum Weiterlesen:

Menachem MayerFrederick Raymes
Aus Hoffenheim deportiert
Menachem und Fred. Der Weg zweier jüdischer Brüder
Regionalkultur Verlag, Ubstadt-Weiher 2008
ISBN 9783897354074
Gebunden, 208 Seiten, 16,90 €

Zum Schauen:

Menachem und Fred
Israel, Deutschland 2009
Regie: Ofra Tevet und Ronit Kertsner
Darsteller: Frederick Raymes, Menachem Mayer, Dietmar Hopp
FSK : ab 0
91 Min
gesehen bei Weltbild.de zu 8,99 € plus 3,99 € Versandkosten